Warum ist diese Hamlet-Inszenierung so gut?

Im Januar 2014 haben wir mit den Proben von Hamlet im Budapester Örkény Theater begonnen und im März wurde das Stück bereits vor dem Publikum aufgeführt. Im Sommer 2015 waren wir zu Gast beim Theatertreffen in Pécs (POSzT), im Mai 2016 konnten wir uns schon über die 50. Vorstellung freuen. In dieser Saison wurde es zuerst am 5. November wieder auf die Bühne gebracht.

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass sich der Zuschauerraum bis jetzt immer wieder gefüllt hat, mit Menschen, die Verständnis für diese Art von Theater haben, die es schätzen können, die mitfühlen und/oder mitdenken können, die gespannt auf uns sind. Ich habe schon mehrere treffende Meinungen und auch seriöse Analysen über unser Spiel gehört und gelesen. Diese haben aus verschiedenen Aspekten, jeweils etwas anderes erblickend, hervorhebend, entdeckend auf diese Inszenierung von László Bagossy reflektiert.

Ich möchte nun darüber schreiben, wie ich die Sachen als eine außenstehende Beobachterin sehe – die zwar keine Schauspielerin ist, aber das Theater und das Schauspiel vom Anfang an für ihre natürliche Umgebung und grundlegende Natur hält –, was man eigentlich nur von innen sehen kann. Ich bewahre in mir diese äußere Betrachterin, aber ich bin jedoch keine Außenseiterin mehr. Allerdings bleibt mir fast nichts mehr verborgen, doch gelte ich nicht als Insiderin…

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(Foto: László Simara)

Unser Hamlet ist neben all seinen anderen Vorteilen vor allem so liebenswert gelungen, weil wir es gerne und auch gut spielen.

Ohne Zweifel standen uns von Anfang an ausgezeichnete Grundstoffe zur Verfügung: Die altbewährte englische Originalfassung von William Shakespeare erwies sich als zeitlos aktuell, die ungarische Übersetzung von Ádám Nádasdy ist brillant gelungen und die norwegischen Texte wurden von Zsófia Domsa vielfältig zusammengestellt. Was überdies hinaus noch durch die Musik ausgedrückt werden kann, wurde von Árpád Kákonyi verfasst. Bei der Gestaltung seiner Vision konnte der Regisseur unter sehr talentierten SchauspielerInnen und seinen eigenen, sehr begabten NachwuchsschauspielerInnen wählen. Am Anfang konnte aber noch niemand wissen, inwieweit die Menge, die aus NebendarstellerInnen besteht, die ganze Arbeit zersetzen oder zusammenschmieden wird.

Ich habe von Abend zu Abend das Gefühl, in wie sehr Hamlet in der ihn umgebenden Menschenmenge, die ja auch seine Verlassenheit, Selbstangewiesenheit und zunehmende Isoliertheit untermalen soll, vereinsamt wird, umso mehr kann der die Titelrolle spielende Csaba Polgár versichert sein, weil wir für ihn da sind. Wir tragen ihn auf unseren Schultern, damit er beflügelt wird, da wir ihn lieben und schätzen, und auch sehen können, dass er seinen Job sehr, sehr gut macht. Freilich habe ich auch währenddessen das Gefühl, dass wir nichts zu fürchten haben, denn er trägt ja die eigene Haut zu Markte, und es ja auch alleine vermag, uns alle mitzureißen.

Es ist faszinierend zu sehen, inwieweit sich Csaba in dieser Rolle entfaltet. Er ist als Schauspieler präsent, der fähig ist, sich absolut von außen zu betrachten, und sich auch gleichzeitig vollkommen mit Hamlets Figur zu identifizieren. Er ist sich dabei immer im Klaren, dass es „nur ein Spiel“ ist, doch klingt jedes Wort von ihm, als ob er keine eingelernte Rolle vorsagen würde, sondern das, was ihm dazu in dem Augenblick gerade einfällt. Dies ermöglicht, dass er auf alle Veränderungen, Abweichungen und störende Umstände, bei denen viele Schauspieler ins Stocken geraten würden, mit seinem größtmöglichen Einfallsreichtum reagieren kann. Er hat keine Angst vor Improvisationen, so haben auch seine SpielpartnerInnen keine Angst, und diese Art von „Abschweifungen“ fallen in der Regel recht gut aus.

Unser Hamlet ist also unter anderem so gut, weil wir es gerne und auch gut spielen. In diese erste Person Plural gehören nicht nur diejenigen, welche die Zuschauer auf der Bühne sehen können, sondern auch jene, die hinter den Kulissen arbeiten, und auch jene, welche die Ankommenden am Eingang begrüßen und ins Innere des Theaters führen.

Gabriella Vid

[Deutsche Übertragung von Endre Bodor]

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