Doppelte Sichtweise

Als Gymnasiastin habe ich zuerst Tonio Kröger von Thomas Mann gelesen. Damals hat mich das ganze Werk völlig mitgerissen. Ich selbst war der Meinung, dass es in der Welt grundsätzlich zweierlei Attitüden gibt: Die der Bürger und die der Künstler. Und diejenigen, die zwischen diesen beiden Welten stehen, werden nie einen Platz unter der Sonne finden.

Meine Sichtweise ordnet seitdem alles viel nuancierter ein, jedoch taucht diese Doppelseitigkeit in vielen Formen auf. Unter den Künstlern gelte ich als Bürger, aber ich bin ein Künstler in der Welt der Bürger. Im Kreise der Ökonomen habe ich eine philosophische Einstellung zu den Problemen, umringt von Philosophen denke ich jedoch wie ein Ökonom. Schon als Kind habe ich für mein Alter reife Entscheidungen getroffen, als Erwachsene beschäftigt und fasziniert mich nichts besser, als die Denkweise der Kinder.

Immer an dieser Grenze zu wandern ist für mich Fluch und Segen zugleich. Es ist sehr aufreibend, sich stets an der Erweiterung dieses Grenzgebiets zu bemühen.

Himmel
(Foto: Gabriella Vid)

Ich betrachte seit langem sogar die Filme und die Theaterstücke mit dieser doppelten Sichtweise. Das ist natürlich eine andere Art von Doppelseitigkeit. Wenn ich ins Kino oder Theater gehe, versetze ich mich völlig in die jeweilige Handlung hinein. Was an der Leinwand oder auf der Bühne passiert, wird zur Wirklichkeit. Ich nähere mich von der inneren Logik (oder Unlogik) der Sachen den vor uns entfaltenden Ereignissen. Bei alledem hindert und stört mich nicht, dass inzwischen meine andere Hälfte draußen bleibt und sich fragt, wie schwierig es sein mag, die eine oder andere Rolle zu spielen, zu inszenieren, abzuwarten, einfach zu meistern.

Die doppelte Sichtweise bedeutet aber keinesfalls doppelte Maßstäbe. Die Grenzlinie zwischen Wahrheit und Lüge ist schärfer und unbeweglicher als alle andere.

Ist es denn nicht seltsam, wie viele Menschen die Welt der Schauspieler für heuchlerisch und verlogen halten? Für mich ist es umso mehr merkwürdig, weil ich binnen recht kurzer Zeit im Örkény Theater erkennen musste, dass es außerhalb meiner engen Familie nirgendwo ein so ehrliches Umfeld in meinem Leben gibt. Das ist eine sehr schwerwiegende Erkenntnis. In unserer Nachbarschaft erleben wir eine Reihe von böswilligen Versuchen, wir lassen taube Stille und Verbergen der Wahrheit in den verschiedensten Umfeldern hinter uns. Im Theater hat aber jeder bis jetzt sein wahres Gesicht gezeigt.

Wenn ich ins Örkény Theater gehe, laufe ich vielleicht den Ärger eines anderen mitten durch und werde von seinen Schimpfereien getroffen. Aber er entschuldigt sich an der Stelle dafür, falls es nicht an mich gemeint war. Das Theater ist ein leidenschaftlicher und impulsiver Ort. Wenn sich aber bei deinem Eintreffen im Theater ein Gesicht aufhellt, oder wenn dich jemand freundlich anspricht und wissen will, was du da sagen wirst, dann kannst du sicher sein, dass es aus dem Herzen kommt und ernst gemeint wird.

Gabriella Vid

[Deutsche Übertragung von Endre Bodor]

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