Wir heilen mit Geschichten

Das Örkény Theater hat am 4. Februar sein Schauspiel „Joseph und seine Brüder“, das nach dem gleichnamigen Großroman von Thomas Mann für die Bühne bearbeitet wurde, auf den Weg gebracht. Seele und Motor des Stücks ist das Textbuch von Ildikó Gáspár, sowie die von ihr erträumte Erzählperspektive und eine Reihe von Momentaufnahmen, die zum Leben erweckt werden.

Mit dieser Arbeit ist Ildikó nun gänzlich zu ihrem Meister Tamás Ascher herangewachsen, mit dem sie zusammen für die Regie der fast 5 Stunden langen Erzählung des biblischen Mythos verantwortlich zeichnet. Die Zeit, die wir im Theater verbrachten, um unsere Aufmerksamkeit diesem Werk zu widmen, verging voller Bewunderung und Befangenheit. Diese Adaptation ist in allen ihren Details wunderschön. Auch die Schauspieler und die Musiker brachten eine brillante Leistung auf die Bühne.

Gegen elf Uhr brachen wir tief beeindruckt auf und machten uns auf den Weg nach Hause. So nahmen wir Teilchen der magischen Welt der spektakulären Bühnenbilder zur Erinnerung mit. Die mal mit Weisheit, mal mit Ironie, mal mit Glück und mal mit Schmerz getränkten Sätze klangen uns noch lange in den Ohren. Unsere Seelen wurden um ein großes Stück geheilt.

Joseph und seine Brüder
(Idee: Gergő Nagy)

Die gut und zur richtigen Zeit erzählten Geschichten lernen und helfen uns, wie wir leben sollen, sie halten uns am Leben und erfüllen uns mit Lebensfreude.

Als sich der Crohn vor drei Jahren meiner Familie „vorstellte“ und fast die Liebste für uns mitgerissen hätte, konnte ich neben dem Krankenhausbett sitzend – über die Erfüllung der grundlegendsten Aufgaben und die Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse hinaus – nur eins tun, nur ein einziges Mittel ist mir geblieben: Vom Erwachen bis zum Einschlafen habe ich Geschichten vorgelesen oder erzählt. Mit meiner schönsten Stimme, dem tiefstem Glauben und der größten Selbstverständlichkeit.

Und unsere Erfahrung hat uns bewiesen, was vielen von Euch aus dem Buch und Film „Die Bücherdiebin“ bereits als bekannt vorkommen mag: Die unendliche Macht der Worte.

Gabriella Vid

[Deutsche Übertragung von Endre Bodor]

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