Wo beginnt die Schönheit?

Ich bin in einer Familie großgeworden, in der sich das Leben von vier Generationen verknüpft und den Alltag gegenseitig verwoben hat. So haben wir unser eigenes Schicksal und die Schicksale einander gegenseitig gestaltet, das Zusammenleben geübt, wie auch die Anpassung an die anderen und auch die Akzeptanz der anderen. Als Erwachsene wurde mir dann auch vergönnt, dass die vier Generationen um eine weitere auf fünf erweitert wurden, da sich eine Urgroßmutter von mir auch über die Geburt ihrer Ururenkelinnen mitfreuen konnte.

Fünf Generationen
(Foto: Endre Bodor)

Diesem Hintergrund ist es zu verdanken, dass ich mich mit Menschen verschiedensten Lebensalters, mit verschiedensten Verhaltensnormen, Ausbildung und Weltansichten meist schnell verstehen kann. Generationsbedingte oder sonstige Unterschiede hindern mich meist nicht daran, den gemeinsamen Ton zu finden. (Auch wenn andere Faktoren, in einigen Fällen ganz offensichtlich schon, aber es gehört jetzt nicht zu dieser Seite.)

Mein Verhältnis zum Altern und den Veränderungen ist im Vergleich zu alledem und im Spiegel all deren ohne unnötigen Ängste. Vielleicht ist genauer, wenn ich so formuliere, dass ich mit genügend Zuversicht in die nahe und ferne Zukunft schaue, weil ich mehrere Menschen mit Würde altern sehen konnte, die sich – ein wirklich schönes, ziemlich langes und volles Leben abschließend – mit Ruhe verabschieden konnten. (Sicherlich habe ich auch Beispiele für das Gegenteil gesehen.)

Adris Gemälde
(Gemälde: Adrienn Bodor)

Die Sichtweise des Örkény Theaters passt ja völlig zu meiner Grundeinstellung. Obwohl es zwar andere Theater und andere Sitten gibt, wird in der Regel die Sorge um ihr Alter und Aussehen auf die Laufbahn der SchauspielerInnen mehrfach projiziert, und diese Kämpfe werden vom Jugendkult breiter Kreise der Gesellschaft noch weiter verstärkt. Im Örkény Theater erfahre ich jedoch immer wieder, dass jedes Lebensalter geehrt und geschätzt wird, dass jedes seine Daseinsberechtigung hat.

Es ist doch völlig egal, wie alt man ist und wie er aussieht, und an welcher Station er gerade in seiner Persönlichkeitsentwicklung steht, es kann doch ein Theaterstück oder eine Regisseurabsicht geben, die ihm genau jetzt eine Aufgabe geben kann und will. Man kann es auch anderswie angehen: Nicht das Alter, das Geschlecht oder die Pfunde zählen. Wer begabt ist, kann ja doch alles auf der Bühne spielen, und wer von einem professionellen Team umgeben wird, kann ja auch beliebig verändert werden.

Wo immer wir auch mit der Aufzählung beginnen, sie fortsetzten oder abschließen: Emőke Zsigmond, Viktória Kerekes und Judit Pogány sind – wie auch die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler des Örkény Theaters – sowohl äußerlich als auch innerlich schön.

Mag es auch noch so subjektiv und unfassbar sein: Die Schönheit ist eine Harmonie, die in unserem Inneren entsteht und sich an unserem Äußeren widerspiegelt. Das ist ein komplexes, gewundenes System. Es ist instinktiv, aber zugleich auch bewusst. Es setzt sich aus unseren Gegebenheiten und erworbenen Praktiken zusammen.

Gabriella Vid

[Deutsche Übertragung von Endre Bodor]

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